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Aufgesetzte Entrüstung

von L. Abg. Andreas Leiter Reber, freiheitlicher Parteiobmann

Rom. Die Sonne scheint. Die Frisur hält.

Senatorin Julia Unterberger verlässt den Quirinalspalast. Die versammelte italienische Presse will nach tagelanger Polit-Posse wissen, ob der Staat doch noch einen Präsidenten bekommen sollte. Senatrice Unterberger gibt exklusiv RAI-Südtirol ein Interview – und fragt Korrespondentin Ulrieke van den Driesch, ob sie es auf Deutsch halten soll oder darf:
Unterberger: „Reden wir auf Deutsch?“
Irgendein Journalist im Hintergrund unterbricht: „Sprechen Sie Deutsch? ma l’Italia non è Deutsch“
Unterberger: „Sono la presidente del gruppo per le Autonomie. Adesso, un po di rispetto, parlo in tedesco va bene?“
Journalist im Hintergrund: „Siamo in Italia però“

Dieses Reingrätschen eines Journalisten vor dem eigentlichen Interview hat Rai Südtirol auf Kamera festgehalten. Die Szene war Südtirols öffentlich-rechtlichem Sender eine eigene Meldung wert, die noch am selben Tag veröffentlicht und mit einem recht belanglosen Kommentar versehen wurde: In Rom im Staatspräsidenten-Wahlfieber sei es halt nicht immer so einfach ein Interview in deutscher Sprache zu geben.

Am Sonntag greift Tageszeitung-Online den Vorfall auf, wird eindeutiger und meint „(..) Unterberger wollte ein Interview auf Deutsch geben und wurde dafür angegriffen.“ Für die morgige Print-Ausgabe darf demnach ein sehr ausführlicher und verurteilender Bericht zum römischen Ereignis erwartet werden und er wird nicht von der Wahl des Staatspräsidenten handeln.

Christoph Franceschini, sonst eher dem investigativen Journalismus zugetan, erinnert diese Szene sogar „an Victor Orbans Ungarn oder an die Zustände in Weißrussland“. In seinem heutigen Artikel auf salto.bz meint er dieser Dialog wirke „für ein westliches, modernes Land absurd“ und es wäre „eine erschreckende Szene“, die deutlich mache, „wie alltäglich und normal der Chauvinismus in diesem Staat“ noch immer sei. Böses, rückständiges Italien.

Auch SVP Obmann Achammer sprang heute seiner Lieblingssenatorin zur Seite und verurteilte die Wortmeldung des Journalisten als „ein peinliches, nationalistisches Gehabe“.

Die junge Generation der Volkspartei spricht sogar von einem „handfestem Skandal“, für JG-Chef und Bürgermeister Dominik Dominik Oberstaller ist es „unfassbar, solche Szenen im 21. Jahrhundert immer noch beobachten zu müssen“. Es bleibt zu wünschen, dass er sich schnell von diesem Schock erholen möge.

Die primitiven und chauvinistischen Aussagen dieses uns unbekannten Journalisten in Rom zu verurteilen ist absolut richtig, doch wenn eine derart scharfe Verurteilung und blankes Entsetzen von denselben Südtiroler Journalisten, Medien und Polit-Funktionären kommt, die zum verwehrten Recht auf Gebrauch der Muttersprache im eigenen Land nahezu ständig schweigen, die gegen dieses alltägliche „siamo in italia“ keine Worte finden und oft sogar jenen nach dem Mund reden, welche die Grundsäulen unseres Minderheitenschutzes untergraben wollen, dann wirkt die plötzliche Entrüstung über den traurigen, aber kleinen Vorfall in der Ewigen Stadt doch aufgesetzt und in der Sache nur wenig glaubwürdig.

Sie alle täten gut daran, sich spätestens jetzt mindestens gleichstark mit ihren Landsleuten, den Südtirolerinnen und Südtirolern zu solidarisieren, und zwar so lange bis das Recht auf Gebrauch der Muttersprache in allen öffentlichen Bereichen hier in unserer „weltbesten“ Autonomie nicht länger eingefordert werden muss, sondern Realität und Normalität geworden ist.

Das Opfer von Rom hätte dann am Samstag nicht umsonst gelitten und das Erzählen seiner Geschichte würde für Südtirol einen Sinn machen.

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