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Südtirol verspielt durch ewige Opferrolle die Chance auf Unabhängigkeit | FREIGEIST

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Südtirol verspielt durch ewige Opferrolle die Chance auf Unabhängigkeit

 von Andreas Leiter Reber, freiheitlicher Parteiobmann und Landtagsabgeordneter

Schottland wählt heute sein Parlament. Die Erste Ministerin Nicola Sturgeon bezeichnete diese Wahl bereits im Vorfeld als „wichtigste Wahl der Geschichte“. Sollte ihre Partei SNP die Mehrheit erringen, will sie erneut ein Referendum über die Unabhängigkeit Schottlands starten. 2014 hatte sich noch eine knappe Mehrheit für den Verbleib beim Vereinigten Königreich ausgesprochen, doch der Brexit hat die Unabhängigkeitsbestrebungen stark beflügelt.

Die staatliche Unabhängigkeit zu fordern schließt die Bereitschaft auf Zusammenarbeit und europäischer Gemeinschaft keineswegs aus.

Wir Südtiroler hätten mit unseren drei Volksgruppen, den Entwicklungen der letzten 100 Jahre und nicht zuletzt wirtschaftlich beste Voraussetzungen dafür, einen ähnlichen Weg zu gehen. Als selbstverwaltetes und kulturell einzigartiges Land in Europa könnten wir unser Potential als Schnittstelle zwischen Nord und Süd voll ausschöpfen.

Doch egal ob als vollautonomes oder völlig souveränes Land – das Wichtigste dafür fehlt uns derzeit noch: Wir haben es noch nicht geschafft das dafür notwendige Landesbewusstsein zu entwickeln.

Der Staat Italien hat selbstverständlich wenig Interesse daran. Unsere Regierungspartei, Oppositionsparteien und Medien jedoch auch nicht. Die meisten von ihnen haben sich im System der „Minderheiten-Autonomie“ wohlig eingerichtet, die Zahnräder zwischen Profit und Einfluss sind seit Jahrzehnten bestens aufeinander abgestimmt – jede Veränderung stört dabei und wird verhindert.

Drei Volksgruppen mit einem jeweils unterschiedlichem Blick auf das eigene Land. Südtirol hat es in hundert Jahren nicht geschafft ein gemeinsames Landesbewusstsein zu entwickeln.

Zudem ist Südtirols ewige Opferrolle vor allem politisch recht angenehm. Für alle. Denn in Südtirol kann jeder Opfer sein: Die deutsche Volksgruppe als kleine Minderheit in Italien, die Italiener als Minderheit in Südtirol und die Ladiner als universelle Minderheit überhaupt.
Politisch produzieren die einen seit Jahrzehnten nur das Gute und sind insgeheim sehr froh, dass sie nicht selbst Steuern eintreiben und die mickrigen Renten auszuzahlen haben, denn für alles Unangenehme ist in Südtirol allein Rom zuständig.
Andere sehen ihre Parteikollegen in Mailand, Bari oder Rom regelmäßig am Steuer sitzen und leiden darunter, in Südtirol niemals irgend eine größere Rolle zu spielen. Andere scheinen ihr Südtirol und seine Menschen so gut kennen zu wollen, dass sie den Anschluss des ganzen Landes an Österreich fordern – mit System Autonomie unter umgekehrten Vorzeichen in den neuen Landesgrenzen inklusive.

Die nächsten klammern sich an alles was sie irgendwie an Rom erinnert, vom moncucco bis zum Liktorenbündel an einer rostigen Straßenlaterne. Noch immer scheint für manche nur der Faschismus schlimm gewesen zu sein und der Nationalsozialismus nicht so schlecht, für andere ist es genau umgekehrt. Und die nächsten definieren einen Tiroler allein über die deutsche Sprache, schaffen es noch bei den Ladinern einen Kompromiss einzugehen und verzweifeln allerspätestens am Trentino.

Südtirol: Schnittstelle und Brücke zwischen Nord und Süd.

Aber während im medialen und politischen Diskurs diese Opferrollen regelmäßig wie ein Zuckerguss aufgetragen und verziert werden, wartet Liana aus Sato Mare hart darauf wieder ihr Dirndl anzuziehen, denn ihr Chef vom Hotel Alpenrose will die Saison am 15. Mai mit einer serata italiana beginnen.

Irmi und Luca, beide aus Eppan heiraten am selben Wochenende und haben das Katharinakirchl gemietet. Die Musikkapelle überlegt, wann sie den verschobenen Kirchtag nachholen kann, während Simone einen Anruf bekommt, eine Stelle bei der INPS sei frei geworden. Der Franz wünscht sich den Luis zurück, Sepp die Germanen, Gianni die Knödel auf dem Ritten, Murat die palestra und Karl Meran – all das und noch viel mehr ist Südtirol.

Wenn wir als Bevölkerung das Potential dieses einzigartigen Landes wirklich nutzen wollen, müssen wir endlich anfangen auf allen Ebenen ehrlich miteinander zu sein. Anfangen, die Befindlichkeiten des anderen zu verstehen und ergebnisoffen über die beschränkten Rahmenbedingungen der derzeitigen Autonomie hinauszudenken.

Die Vergangenheit wird uns immer bleiben. Die Opferrolle muss es nicht.

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