| Gedenkansprache von Pius Leitner zur Veranstaltung „100 Jahre Denkmal und 200 Jahre Schlacht in der Sachsenklemme“ |
| Dienstag, 11. August 2009 um 09:31 Uhr | ||||
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Hohe Geistlichkeit, sehr gehrte Herren Bürgermeister Dr. Hans Wild und Torsten Giess, geehrte Behördenvertreter aus Südtirol und Sachsen bzw. Thüringen, geschätzte Vertreter des Julius-Mosen-Vereins Oelsnitz mit Direktor Eckardt Scharf an der Spitze, liebe Bezirksmajore Sepp Kaser und Rudolf Lanz, liebe Ehrenkompanie „Anton von Gasteiger“ Villanders, liebe Mitglieder der Lulius-Mosen Jugendkapelle, Schützenoffiziere, Marketenderinnen und Schützenkameraden, liebe Tiroler Landsleute! Wir sind heute an dieser geschichtsträchtigen Stelle zusammengekommen, um an Begebenheiten zu erinnern, die im Bewusstsein eines jeden patriotischen Tirolers fest verankert sind. Als vor 100 Jahren, genau am 14. August 1909, dieser Obelisk als Denkmal für die denkwürdigen Schlachten in der Sachsenklemme während des Tiroler Volksaufstandes 1809 gesegnet wurde, war die heutige italienische Provinz Bozen noch fester Bestandteil Österreichs bzw. der K. und K. Monarchie Österreich-Ungarn.Alles eitel Wonne also und in bester Ordnung? Mitnichten! Die Unruhen im Vielvölkerstaat gärten bereits da und dort und die Vorboten eines Konfliktes nahmen am Horizont zunehmend Konturen an. Die Errichtung dieses Denkmals als Hauptdenkmal (bekanntlich steht in Oberau das so genannte Sachsenkreuz, das leider allzu gerne vergessen wird) wollte 100 Jahre nach den zermürbenden Kämpfen in der Sachsenklemme, deren Namen sich ja von diesen kriegerischen Auseinandersetzungen ableitet, ein Beitrag für Verständigung und Frieden sein.Um so mehr soll nach 200 Jahren von dieser Stätte, an der sich die Nachkommen der ehemaligen Feinde brüderlich die Hand reichen, eine Friedensbotschaft ausgehen. Wir müssen immer wieder kritisch hinterfragen, was Menschen unter bestimmten Voraussetzungen erst zu Feinden macht. Für Menschen von heute mag es nicht nachvollziehbar sein, dass Stammesbrüder, wie es Tiroler, Bayern und Sachsen waren und sind, sich vor 200 Jahren auf Teufel komm raus bekämpft haben. Um so erfreulicher ist es jedoch, dass sich heute an der Stätte von ehemals grausamen Kämpfen die Nachkommen freundschaftlich die Hand reichen. Einst Feinde – heute Freunde, dies soll eine der Botschaften des heutigen Tages sein. Ohne hier einen geschichtlichen Vortrag halten zu wollen, seien einige Eckpunkte der damaligen Situation in Erinnerung gerufen. Der Tiroler Volksaufstand des Jahres 1809 darf nicht als einzelnes geschichtliches Ereignis angesehen werden. Er stand ja in Zusammenhang mit den Auswirkungen der Französischen Revolution und mit den Feldzügen des Franzosenkaisers Napoleon Bonaparte und insbesondere mit den Kriegen zwischen Österreich und Frankreich. Die Machtlogik jener Zeit wollte es, dass Bayern und Sachsen sowie der so genannte Rheinbund zu Verbündeten Napoleons und somit zu Feinden Österreichs wurden. Die Tiroler waren dem Kaiser in Wien eng verbunden und wehrten sich gegen die Bayern, die nun als Napoleons Verbündete das Land regierten. Während sich auf den großen Schlachtfeldern Europas das Schicksal zugunsten Frankreichs wendete und Österreich auf Tirol hatte verzichten müssen, wähnten sich die Tiroler immer noch in der Obhut ihres Kaisers. Sie konnten oder wollten nicht wahrhaben, dass sie vom Hause Habsburg fallen gelassen wurden. Wir kennen die Worte von Andreas Hofer, die ihm Julius Mosen in seinem Gedicht „Zu Mantua in Banden“ in den Mund gelegt hat: ich bin verlassen ganz vom röm’schen Kaiser Franz. Gerade die Ereignisse der jüngsten Tage und Wochen haben in patriotischen Tirolern im Süden des Landes Erinnerungen wachgerufen, dass im Ernstfall die Hilfe des Vaterlandes größeren Interessen unterworfen ist und eher als lästig empfunden wird. So ist es den Tirolern nach den Franzosenkriegen gegangen. Sie haben sich nach der Rückkehr zu Österreich eine den demokratischen Traditionen entsprechende Erneuerung der alten Tiroler Verfassung erwartet. Sie wurden jedoch bitter enttäuscht. Als man im Kampf gegen Napoleon das Volk gebraucht hatte, da erinnerte man sich seiner und appellierte an seine Gefühle, an Treue und Freiheitssinn – nun war Freiheit geradezu ein verpöntes Wort. Zurück zu den Kampfhandlungen in der Sachsenklemme. Details dazu empfehle ich nachzulesen, weil sie Zeugnis davon ablegen, mit wie viel Einsatz und Heldenmut auf beiden Seiten zu Werke gegangen wurde. Die Tiroler, unter Anleitung von Speckbacher, dem Mahrwirt und Pater Haspinger konnten den zahlenmäßig überlegenen Franzosen, Bayern und Sachsen erfolgreich die Stirn bieten und schlussendlich den Sieg davontragen. Dieser Sieg, erkämpft zwischen dem 4. und 8. August, beflügelte Andreas Hofer regelrecht und er fühlte sich gerüstet für die nächste große Herausforderung. Die 3. Bergiselschlacht am darauffolgenden 13. August war dann auch der größte militärische Erfolg Hofers. Was sich aber vorher zwischen Trens und Unterau, heute vom Franzensfester Stausee überflutet, abspielte, muss im wahrsten Sinne die Hölle gewesen sein. Die Tiroler nutzten ihre Ortskenntnisse bestens aus und bedrängten den heranstürmenden Feind nicht nur mit den üblichen Waffen, sondern empfingen ihn mit vorbereiteten Steinlawinen, die sie auf die entsetzten Gegner niederprasseln ließen.Die Sachsen hatten vor allem unter zweierlei Nachteilen zu leiden: sie waren nicht so motiviert wie die Tiroler, die hier wohnten und sie hatten vor allem Versorgungsprobleme. Sie wollten zwar auch ihre Haut retten, wurden aber von ihren Vorgesetzten mehrmals im Stich gelassen. So flüchtete nicht nur General Rouyer nach Sterzing zurück, auch Oberst Egloffstein folgte ihm und ließ die Sachsen unter Führung u. a. der Majore Germar und Bose ihrem Schicksal überlassen. Sogar der französische Oberkommandant Lefebre flüchtete im Gewande eines Korporals über den Brenner nach Innsbruck. Diese Flucht wird von einem Zeithistoriker bezeichnet als „beschämendste Tat, welche die Tiroler Berge je gesehen“. Und der Historiker Josef Hirn schreibt in seinem Buch „Tirols Erhebung im Jahre 1809 dazu: „Wenn auf jemanden die Redensart ‚Lieferung auf die Schlachtbank’ anzuwenden war, so galt sie für die in Oberau zurückgelassenen Sachsen.Zuerst hatte sie der General, dann auch der Oberst preisgegeben.“ Gegen Abend des 5. August war die Hälfte der 2.000 in den Kampf gezogenen Sachsen entweder gefallen oder gefangen genommen. Dabei benahmen sich die Tiroler nicht gerade freundlich und auch von Gewaltakten und von Beraubung der Gefangenen, die großteils nach Neustift gebracht wurden, wird berichtet. Eine Gedenkveranstaltung soll einerseits an historische Fakten erinnern, andererseits aber – und das scheint mir noch wichtiger - zum Nachdenken anregen, welche Lehren wir aus früheren Ereignissen ziehen können. Das Regiment der Herzoge von Sachsen war gerade bei den Tirolern sehr beliebt, schreibt Alois Menghin in seinem Buch „Andreas Hofer und das Jahr 1809“. Und der Villanderer Schützenhauptmann Sebastian Mayrhofer wird, nachdem eine große Zahl von Sachsen unter einer Steinlawine begraben wurde, mit den Worten zitiert: „Ach, wären es wenigstens Franzosen gewesen, aber es waren unsere Stammesbrüder!“ Kriege haben eigene Gesetzmäßigkeiten und Soldaten sind die letzten im Glied einer Kette, die sprichwörtlich die Hunde beißen. Die Sachsen sind seinerzeit ebenso wenig freiwillig gegen die Tiroler ins Feld gezogen wie im Laufe der Geschichte Tiroler und Soldaten anderer Völker und Nationen auf Schlachtfeldern fernab der Heimat nicht freiwillig gekämpft haben. Wie sinnlos sind Tiroler Kaiserjäger in Galizien geopfert worden? Welchen Sinn hatte der Einsatz von Tirolern in deutscher Truppen am Nordpol, im Kaukasus und in Afrika? Wir tun uns relativ leicht, kriegerische Auseinandersetzungen kritisch zu bewerten, wenn sie sehr weit zurückliegen. Dabei käme es aber gerade darauf an, wie wir uns zu den derzeitigen Konflikten stellen. Müssen die westlichen Demokratien wirklich am Hindukusch verteidigt werden und ist der Irak-Krieg tatsächlich die richtige Antwort auf den internationalen Terrorismus? Ich habe den Eindruck, dass gleichzeitig mit dem Einsatz europäischer Streitkräfte außerhalb Europas Menschen aus Krisengebieten nach Europa drängen und bestehende Ordnungen aus dem Gleichgewicht bringen. Liebe Freunde, die ungebremste und unkontrollierte Zuwanderung von Ausländerheeren nach Europa ist für mich eine der größten Herausforderungen für Gegenwart und Zukunft. Ich weiß, dass solche kritischen Zwischenrufe nicht überall gut ankommen und ich weiß auch, dass man aus dem Blickwinkel einer falsch verstandenen Toleranz (wer definiert diese denn überhaupt?) keinen eigenen Standpunkt einnehmen will. Da verlässt man sich auf „die da oben“, die es ja besser verstehen müssen. Wenn wir eine Lehre aus den Ereignissen vor 200 Jahren ziehen wollen, dann die: verlass dich eben nicht auf „die da oben“, sondern nimm dein Schicksal selbst in die Hand. Heute sind wir nicht vom Kaiser verlassen, aber immer öfter von allen guten Geistern der Politik. Vor 200 Jahren wollte Napoleon Europa unterjochen und gleichschalten. Heute haben wir eine EU, die im Prinzip nach dem gleichen Prinzip operiert. Napoleon war noch mit Truppen und Waffen unterwegs, die Truppen der EU sitzen in Regierungen und Medientürmen. Einige Wenige entscheiden, obwohl nicht einmal demokratisch gewählt, über oder für 500 Millionen Menschen, von Bürgern will ich nicht reden. Bürger hätten nämlich Rechte.Ich bin jedenfalls nicht bereit, mich unter dem Mäntelchen eines „Europäers“ zu verstecken und mich dem Joch dieser EU zu unterwerfen. Europa ja, ein Europa der Tiroler, der Sachsen, der Katalanen, der Bayern, der Steirer, der Veneter, der Sizilianer u.s.w. aber nicht ein Europa, wo der Krümmungsgrad der Gurke oder die Anzahl der Kerne in einer Bohne entscheidend sind und schon gar nicht ein Europa, wo eine demokratisch nicht legitimierte politische Kaste entscheidet, was diskriminierend ist und was nicht. Kann sich heute ein Sachse wirklich in seiner Identität sicher fühlen, kann dies ein Südtiroler oder Tiroler? Tiroler und Sachsen sind Deutsche, auch wenn sie nicht im gleichen Staatsverband leben. Ist es wichtiger, Sachse und Tiroler zu sein oder Deutscher? Oder ist es noch wichtiger, dass wir einfach alles Europäer sind? Entscheidend ist wohl, dass wir die Pyramide nicht auf den Kopf stellen. Weil heute auch Sachsen hier anwesend sind, erlaube ich mir eine persönliche Meinung zu einem Vorfall, der derzeit in Deutschland für großen Wirbel sorgt. Linke Studentenfunktionäre möchten die nach dem großen Patrioten und Freiheitsdichter benannte Ernst Moritz Arndt Universität in Greifswald umbenennen. Warum soll ein Demokrat liberaler Gesinnung wie Arndt plötzlich nicht mehr als Namenspatron einer Universität würdig sein? Weil er ein „Franzosenhasser“ und „Antisemit“ war, so die lapidare Begründung! Wenn man in der heutigen Bundesrepublik Deutschland erst einmal als Fremden- und Judenfeind entlarvt ist, hilft auch der beste freiheitlich-demokratische Ruf nichts mehr. Arndts Werke entstanden gerade in jener Zeit, in der Napoleon Europa mit seinen Feldzügen heimsuchte und Deutschland unterjochte. Dass ihn die Nazis missbrauchten, kann man wohl nicht dem Dichter anlasten. Liebe Freunde, an einem Tag wie diesem stelle ich mir viele Fragen. Eine Antwort kann ich mir selber mit Klarheit und Sicherheit geben: ohne eigenes Dazutun, ohne persönliche Anteilnahme, ohne Zivilcourage und ohne eine Spur gesunden Patriotismus kann ich der Heimat nicht nützen. Wenn ich von gesundem Patriotismus spreche, dann deshalb, weil es auch in unserem Land Tendenzen gibt, Jugendliche in ein ideologisch gefährliches Fahrwasser zu ziehen. Leben und handeln wir nach Peter Rosseggers Losung: Das Vaterland der anderen achte, dein eigenes aber liebe! Das ist der Unterschied zwischen Patriotismus und Nationalismus. Fragen wir also nicht, was die Heimat für uns tun kann, sondern was wir für die Heimat tun können. Vertrauen wir auf die eigene Kraft, die wir auch aus unserer Geschichte schöpfen. Möge das Vermächtnis der hier vor 200 Jahren Gefallenen jenes sein, unter den Völkern dauerhaften Frieden auf gerechter Grundlage zu schaffen!
Kommentare (2)
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Arnold Kemenater
schrieb:
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@ Pius Ein sehr beeindruckende Rede! Diese Rede können sich alle Leute im gesamten deutschen Sprachraum zu Herzen nehmen. |
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Wessen Verrat? Nicht Österreich oder seine Bevölkerung, sondern das habsburgische Wien, das ein Vielvölkerreich beherrschen wollte, hat Tirol um 1809 verraten. |

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